Mit Ausnahme der Kirche des heiligen Hermes findet man
heute wenig Spuren der Festung, wenngleich bis zum letzten Weltkrieg noch
einige Reste der Mauern, das Tor mit einem kleinen Glockenturm und ein
antiker Ortskern mit engen, geschwungenen Gassen zu sehen waren, die einen
bescheidenen Schutz gegen die unerbittlichen Bora-Winde boten.
Ursprünge und Geschichte
Die Festung erhielt den eigenen Namen wahrscheinlich durch die Familie,
die dort vor einigen Jahrhunderten <residierte>. Der ursprüngliche
Ortsname lautete Castrum Ligabitij, d.h. Festung Ligabizio oder der Ligabizzi,
der sich anschließend in Ligabicci, Le Gabicce und letztendlich
Gabicce umwandelte. Nach einer anderen Vermutung könnte Ligabitius
der Name sein, der für die Ziegenbockhirten „Legabecchi“
verwendet wurde; gemäß der Legende heißt es, dass in
der Vergangenheit eine beachtliche Population von Ziegenböcken auf
den Hügeln des San Bartolo zu verzeichnen war, die dort ihr ideales
Habitat vorfanden.Die ersten Zeugnisse in den antiken Dokumenten findet
man, wie auch für die anderen Festungen, in der päpstlichen
Bulle aus dem Jahr 998, mit der Gregor V. dem Erzbischof von Ravenna die
Zuständigkeit für die Festung übertrug. Bis zum 13. Jahrhundert
blieb sie unter der Oberherrschaft der Kirche von Ravenna, jedoch 1271
entschied man sich zu einer untertänigen Allianz mit der Gemeinde
Rimini, um sich gegen die wiederholten gewalttätigen Übergriffe
vonseiten der Gemeinde Pesaro zu schützen, die aufgrund der strategischen
Position stets versuchte, sich die Festung einzuverleiben. Nach den in
den Schriften des Gelehrten Olivieri aus Pesaro festgehaltenen Überlieferungen
dieser Jahrhunderte hatte es tatsächlich den Anschein, dass die Einwohner
der Festung Gabicce Monte <der blutigen Auseinandersetzungen mit beträchtlichen
Schäden an Mensch und Gut überdrüssig war> und deshalb
mit anderen tapferen Gemeinden des Focara-Lands einen Pakt schloss, um
die Festung in Cattolica unter der Herrschaft von Rimini zu errichten
und sich somit gegen die Vergeltungen aus Pesaro zu schützen. Nachfolgend
kehrte die Festung Gabicce Monte wieder für einige Zeit unter die
rechtliche Vorherrschaft der Kirche von Ravenna, um anschließend
von den Geschlechtern der Malatesta, der Sforza und der Montefeltro besetzt
zu werden und letztendlich in die Hände des Geschlechts Della Rovere
zu fallen, das sie 1625 Ottavio Mamiani zu Lehen gab. Kurz darauf, d.h.
im Jahr 1631, fiel Gabicce, wie auch der Rest des Herzogtums von Pesaro
und Urbino, unter die Vorherrschaft des Vatikans. Im Anschluss an diese
Situation war ein langsamer und unabwendbarer Verfall zu verzeichnen,
der sich erst im 20. Jahrhundert mit der Entwicklung des modernen Tourismus
wieder umkehrte.
Die Kirche des heiligen Hermes
Das einzige, heute noch bestehende Erbe der jahrhundertelangen Geschichte
der Festung ist die Kirche des heiligen Hermes, die in der gleichen Zeit
der Festung errichtet wurde. Die ersten Spuren der Existenz dieses Gotteshauses
sind in einem vom Erzbistum Ravenna konservierten Dokument vom 3. September
909 zu finden, in dem Folgendes steht: <…die Gräfin Ingelrada…gewährt…das
Kloster S. Ermete>. Im Verlauf der Jahrhunderte erfuhr die Kirche zahlreiche
Umgestaltungen, bis sie 1700 fast vollständig rekonstruiert wurde.
Ursprünglich war die Struktur wahrscheinlich der byzantinischen Architektur
zuzuordnen, die in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts in Ravenna
vorherrschend war. Daraufhin erfolgten entsprechende Umgestaltungen zum
romanischen und schließlich zum Renaissance-Stil in den Jahren um
1570, die sich allgemein durch enorme Neustrukturierungen der kirchlichen
Gebäude auszeichneten. Wie bereits erwähnt, wurde die Kirche
des heiligen Hermes aufgrund des beträchtlichen Alters der Mauern
ab 1782 von Grund auf rekonstruiert, und im neuen Gebäude wurde –
mit Ausnahme der verzierenden Bildtafeln der Altare – die gesamte
Einrichtung erneuert, die jedoch zum Großteil im Jahr 1860 wieder
verloren ging, als die staatlichen Eigentümer vom Vatikan zum Königreich
Italien wechselten. Nach dem zweiten Weltkrieg, d.h. 1952, erfolgte eine
weitere Neustrukturierung der Kirche, bei der der Stil des 18. Jahrhunderts
wiederhergestellt wurde (bis heute unverändert). Einfach und ohne
besondere Dekorationen präsentiert sich die Kirche mit einer schlicht
gehaltenen Fassade, an der sich das Haupteingangstor und der Glockenturm
mit gedrungener und quadratischer Struktur befinden. Zur Inneneinrichtung
der Kirche zählen wertvolle Gegenstände und Kunstwerke, u. a.
Kerzenständer und Reliquienschreine, an denen die vorher reichere
Ausstattung bemessen werden kann, welche durch zahlreiche Plünderungen
erheblich dezimiert wurde. Besondere Aufmerksamkeit sollte dem Fresko
der regionaltypischen Schule (Marken) Ende des 14. und Anfang des 15.
Jahrhunderts, in denen die stillende Madonna dargestellt ist, und der
Leinwand mit der Kreuzigung Christi eines unbekannten Künstlers aus
der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts geschenkt werden. Gleichermaßen
bedeutsam ist das von einem Kunsthandwerker aus Rimini gefertigte Holzkreuz
aus dem 14. Jahrhundert, das möglicherweise von einem zur Familie
Tonini aus Gabicce Monte zählenden Monsignore aus Rimini in Auftrag
gegeben wurde.
Das Majolika-Kunsthandwerk
Bereits im 16. Jahrhundert wurde die Festung Gabicce in ganz Italien zu
einem Begriff, und zwar dank des Kunsthandwerks zwei versierter Töpfer,
Girolamo und Giacomo Lanfranco, Vater und Sohn, die prachtvolle Kunstwerke
aus Terrakotta mit Golddekorationen herstellten. Girolamo Lanfranco war
der Nachkomme einer Familie aus Ferrara, die am Ende des 15. Jahrhunderts
nach Pesaro emigrierte. Als Meister in der Kunst der Keramik stieg er
durch die erstmalige Verarbeitung von Dukatengold zu internationalem Ruhm
auf. Mit ihrer Werkstatt in Pesaro von 1530 bis 1590 erhielten Vater und
Sohn eine offizielle Anerkennung durch ein Edikt, das vom Herzog Guidubaldo
II Della Rovere im Jahr 1569 ausgegeben wurde. Die gefertigten Keramikstücke
können heute in zahlreichen italienischen und ausländischen
Museen bewundert werden und sind begehrte Objekte leidenschaftlicher Sammler.
Im British Museum in London ist ein Teller mit der Darstellung der „Gesetzgeber
Cicero und Julius Caesar“ ausgestellt, der mit dem Schriftzug des
„Mastro Girolamo Lanfranco dalle Gabicce“ aus dem Jahr 1541
versehen ist.
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